Von wertvoll zu wertlos – wie ein gefälschtes Werk die Wissenschaft aufmischen kann

Der Fälschungsfall des Sidereus Nuncius von Galileo Galilei

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp ist ein renommierter Forscher auf dem Gebiet der Bildwissenschaft, die sich vor allem mit allen Bildern des Alltags auseinandersetzt und dabei auch die Schnittstelle „Kunst, Technik und Naturwissenschaft“ bedient. Unter anderem widmete sich seine Forschung auch dem bekannten Naturwissenschaftler Galileo Galilei. Im Jahr 2007 veröffentlichte er sein Buch „Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand“ und untersuchte in dieser Publikation erstmals eine 2005 neu entdeckte Version des Sidereus Nuncius (auch bekannt als Sternenbote) von Galilei.Von der Schrift Galileis aus dem Jahr 1610 sind noch ca. 82 Exemplare erhalten und der erste Teil enthält Stiche verschiedener Mondphasen. Durch die genaue Analyse dieser Abbildungen arbeitet Bredekamp den Wissenschaftler als künstlerisches Genie heraus. Für seine bereits zuvor angestellten Forschungen bezüglich des Sternenboten war die „wiederentdeckte“ Ausgabe aus dem Jahr 2005 ein glücklicher Fund, da sie seine Thesen des erkenntnisbringenden Bildes bei Galilei nicht nur stützte, sondern auch völlig neue Aspekte und Interpretationsansätze eröffnete. Somit wurde diese New Yorker Entdeckung des Sternenboten für Bredekamp ein regelrechter „Glücksfund“ und war vor allem für seine Zwecke ein äußerst wertvolles Artefakt.

Horst Bredekamp/ Irene Brückle/ Paul Needham: A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius (Galileo’s O Bd. 3), Berlin 2014

Bredekamp, Horst: Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand, Berlin 2007 (links); Bredekamp/ Brückle/ Needham: A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius, Berlin 2014 (rechts)

Für seine Forschung, die sich auf die künstlerische Handschrift des Naturwissenschaftlers Galilei konzentrierte, waren die in diesem „neuen“ Exemplar enthaltenen Mondzeichnungen eine äußerst nützliche Ergänzung. Nach den ersten genaueren Untersuchungen konnte nicht nur Bredekamp mit fester Überzeugung von der Sensation berichten, dass es sich bei dieser New Yorker Ausgabe um ein Original handelt. Die Ergebnisse hielt Bredekamp unter anderem in seinem 2007 veröffentlichten Buch „Galilei. Der Künstler“ fest, sondern auch in einer weiteren Reihe „Galileo’s O“, in deren ersten zwei Bänden er zusammen mit Forschern anderer Fachgebiete den Sternenboten auf Materialität, Produktion und neue Kodifizierung hin untersuchte.

Als im Jahr 2012 die ersten Zweifel durch den Historiker Nick Wilding angemeldet wurden, war es auch diese Forschergruppe der Reihe „Galileo’s O“, die auf den Vorfall reagierte. Den Fälschungsskandal, der in diesem Jahr seinen Lauf nahm und zu einem brisanten Fall wurde, konnte Nicolas Schmidle nach längerer Recherche ausführlich in seinem Artikel des Magazins „The New Yorker“ veröffentlichen.[1] Besonders eindrücklich kann er hier auch das Profil des Fälschers abbilden. Marino Massimo de Caro, ein Italiener, schaffte es im Jahr 2012 sogar, nachdem er die Leitung der Biblioteca di Girolamini übernommen hatte, diese nach und nach um mehrere Bücher zu berauben. Zur selben Zeit nahm auch die Aufdeckung des Fälschungsskandals um den New Yorker Sternenboten seinen Lauf und die Verdachtsmomente verhärteten sich mit dem Aufkommen der kriminellen Machenschaften De Caros, der dieses Exemplar in Umlauf gebracht hatte.

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (21./22. Dezember 2013) wird dieser Fall als eine David und Goliath-Geschichte beschrieben: „[…] Sie ist es in doppeltem Sinn. Der Fälscher war ein David gegen die Wissenschaftler, […] der künstlerische Fertigkeiten mit gründlicher Kenntnis der Welt Galileis verbunden hat. Und ein David war Nick Wilding, der Historiker aus Georgia, der gegen die schwer gerüstete Berliner Wissenschaftsmaschine Recht hatte, mit ganz traditionellen Methoden.“[2]

Ende 2013 wurde dieser Fälschungsvorfall relativ spät in den deutschen Medien aufbereitet, nachdem zuvor die ausführliche Berichterstattung von Schmidle veröffentlicht worden war. Für diejenigen Wissenschaftler, die nach 2005 in diesem Exemplar ein authentisches Werk Galileis sahen und dies auch nachvollziehbar an den entsprechenden Forschungsmethoden aufzeigten, wurde der so wertvolle Fund zu einem fast wertlosen Objekt, das nun nach Bredekamps Worten wie ein „Monstrum“ im Archiv des Kupferstichkabinetts in Berlin lagert.[3]

Doch lässt sich trotz der forschungsirrelevanten Fakten, die sich um diese Fälschung bilden, ein „Wert“ für die Wissenschaft herausholen?

Auch wenn das Buch selbst als „Kunstobjekt“ einen Wertverlust einbüßt, ist meiner Meinung nach der Umgang mit diesem aufgedeckten Skandal ein äußerst wertvoller Präzedenzfall. Denn als immer mehr Indizien zusammenkamen, die für eine gefälschte Version des Sternenboten sprachen, setzte sich die Forschungsgruppe der Reihe „Galileo’s O“ zusammen und untersuchte nicht nur produktionstechnische Details, sondern auch das Wesen und die mögliche Motivation des Fälschers, sowie den eigene Umgang mit der Enttäuschung und dem Erschrecken über die Wendung in diesem Fall. Ihre gesamten Ergebnisse werden 2014 in einem dritten Band der Reihe „Galileo’s O“ veröffentlicht.[4]

In „A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius“ revidieren sie die eigenen Forschungsergebnisse der vorangegangenen Ausgaben bezüglich des New Yorker Sternenboten und schaffen ein einzigartiges Werk. Bredekamp erklärte hierzu in einem Interview dem Tagesspiegel:

„Es war ein psychologischer Kraftakt, die gesamte Expertengruppe wieder zusammenzubringen. Jeder war mehr oder weniger stark erschüttert. Aber unserem Selbstverständnis zufolge haben wir etwas vollzogen, was Wissenschaft sein kann und sein muss: dem Verdacht auf einen Fehler selbst nachzugehen, diesen umfassend aufzudecken und Wege zu zeigen, wie man ihn in Zukunft meidet.“[5]

Bredekamp selbst war ein Mitglied dieser Gruppe, welches dieser Fall besonders traf, da er sich seiner Methoden absolut sicher war und für ihn kaum nachzuvollziehen war, wie der Fälscher eine solche präzise und authentische Linienführung auf das Papier bringen konnte. Aus diesem Grund widmet er sich im vorletztem Kapitel in „A Galileo Forgery“ der Psychologie des Fälschers und bringt seine Verbitterung am Ende des Buches deutlich zum Ausdruck:

„I have learnt, in a bitter way, what I knew before, but not in this concrete sense: that phenomena can be looked at from different perspectives and that from different viewpoints they tell completely different narratives.“[6]

Mit diesem abschließenden Statement beschreibt er etwas, das vielleicht generell für den Umgang mit Kunstobjekten gelten kann, nämlich dass Intention und Motivation verschiedener Personen und Institutionen der Kunstwissenschaft Authentizitätsfragen von Werken maßgeblich beeinflussen und durch viele Faktoren eingeschränkt sein können. So stand bei Bredekamp aufgrund des eigenen Interesses und Forschungsvorhabens die offensichtliche Authentizität des aufgetauchten Sternenboten im Fokus, ohne dass dabei die kleinen Fehlerdetails auch als mögliche Fälschungsindizien aufgefasst wurden. Stattdessen wurden diese eben „positiv“ ausgelegt, im Sinne seiner Erwartungshaltung. Doch vor allem die Veröffentlichung und detaillierte Auseinandersetzung mit diesem Betrug eröffnet neue Möglichkeiten für den Umgang mit solchen Fällen für die Kunstgeschichte.

Mittlerweile ist dieser dritte Band auch im Open Access des De Gruyter Verlags für alle zugänglich: http://www.degruyter.com/view/product/416084

Corinna Mühlbauer

 

[1] Schmidle, Nicholas: A Reporter at large. A very rare book. The mystery sourrounding a copy of Galileo’s pivotal treatise, In: The New Yorker, 16.12.2013, S. 63-73. URL: http://www.newyorker.com/magazine/2013/12/16/a-very-rare-book

[2] Speicher, Stephan: Hinter dem Mond, in: Süddeutsche Zeitung, 21./ 22.12.2013, S.11.

[3] Ossowski, Maria: Galileo und der falsche Mond, URL: http://www.rbb-online.de/kultur/beitrag/2014/02/Horst-Bredekamp-ueber-den-Galileo-Sternenbote-Skandal.html.

[4] Horst Bredekamp/ Irene Brückle/ Paul Needham: A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius (Galileo’s O Bd. 3), Berlin 2014.

[5] De Padova, Thomas: Gefälschte Galilei Zeichnungen „Es traf uns wie ein Blitz“, in: Der Tagesspiegel, URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/gefaelschte-galilei-zeichnungen-es-traf-uns-wie-ein-blitz/9466754.html.

[6] Bredekamp u.a. 2014, S. 102.